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Ein Gastbeitrag von EVA SIMEONI, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die
Meinungen werden kontrovers bleiben, Ergebnisse hat die Diskussion beim
45. Jour Fixe des Berliner Sportjournalisten-Verbandes aber trotzdem
gebracht. So ist der einstige DDR-Radstar Gustav-Adolf Schur nach seiner
Ablehnung durch die Jury nicht ein für allemal aus der „Hall of Fame“
des deutschen Sports verbannt. „Er kann noch einmal vorgeschlagen
werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche
Sporthilfe, Michael Ilgner, bei dem Treffen in Berlin. Auch die
Zusammensetzung der Jury – Vertreter der Sporthilfe, aus Wirtschaft,
Sport und Politik – könnte sich künftig ändern. Dass 27 Mitglieder aus
den alten Bundesländern stammen und nur eines aus der ehemaligen DDR,
wurde allgemein als Schieflage empfunden. „Wie wollen die den DDR-Sport
kennen?“, fragte ein Zwischenrufer. „Das ist ein Ungleichgewicht, an dem
man arbeiten muss“, kritisierte der VDS-Präsident Erich Laaser. Ilgner
räumte ein, dass die Aufnahme-Modalitäten noch nicht zufriedenstellend
seien. „Wir befinden uns in einem Lernprozess“, sagte er. Die Sporthilfe
als Initiatorin der „Hall of Fame“ denke darüber nach, künftig die
Aufnahme von Mitgliedern mehr an ihren sportlichen Leistungen zu
orientieren. „Wir können nicht erwarten, dass die Sportler über jeden
Zweifel erhaben sind. Wir sollten diesen Anspruch nicht aufrecht
erhalten.“
Dass die
Ablehnung Gustav-Adolf Schurs durch die Jury die Gemüter vor allem der
älteren Kollegen immer noch erhitzt, war leicht zu erkennen – die
Diskussion wurde mit Feuer geführt. Auf dem Podium saßen mit Ilgner, Laaser
und dem Berliner Vorsitzenden Hanns Ostermann drei „Wessis“, während im
Saal fast ausschließlich gebürtige Ostdeutsche anwesend waren. Unzählige
Jahre „Neues Deutschland“, „Deutsches Sportecho“ und „Junge Welt“ kamen
da zusammen – alles Leute mit genauen Kenntnissen des DDR-Sports und
seiner Geschichte, die mit dem Sportidol „Täve“ Schur aufgewachsen sind
und ihn auch heute noch für seine glorreichen Taten schätzen. Doch der
einstige Heroe hat auch sie ins Grübeln gebracht mit seinen Äußerungen
zu politischen Themen. Schur hat im Lauf seiner politischen Karriere
nach dem Sport, als Abgeordneter der DDR-Volkskammer und als
Bundestagsabgeordneter für die PDS etwa den Mauerbau in Schutz genommen,
die gewaltsame Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 gerechtfertigt
und die Ansprüche der DDR-Dopingopfer bestritten. Dass er bei seinen
Veröffentlichungen unter dem Einfluss des ehemaligen Sportchefs des
Neuen Deutschland, Klaus Huhn, steht, wurde von Ilgner und Laaser nicht
als Entschuldigung anerkannt.
„Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, sagte Laaser. „Wer sich
politisch äußert, wird daran gemessen“, meinte Ilgner.
Wolfgang
Hempel (ehemals Deutsches Sportecho) kritisierte vor diesem Hintergrund,
dass die Ablehnung Schurs eine „eindeutig politische Entscheidung“
gewesen sei. „Ich finde das unverschämt. Wir sind seit 20 Jahren ein
einiges Deutschland, wir sind es aber nicht, wenn wir nicht auch in den
Köpfen für Integration sorgen. Hier werden Grenzen aufrecht erhalten und
in den Köpfen die Spaltung vollzogen.“
Friedrich-Karl Brauns, DDR-Gewächs und dann Redakteur beim SFB, hielt
dagegen, dass Schur zwar das Idol seiner Jugend gewesen sei. Allerdings
habe er „seinen Anspruch moralisch verwirkt“. Brauns untermauerte seine
Abkehr mit Zitaten aus Schurs von Ghostwriter Huhn stark geprägter
Autobiographie. Hans-Jürgen Zeume (ehemals Sportecho) hat allerdings
festgestellt, dass in Schurs Kopf sich in dieser Hinsicht ein
„Denkprozess“ einstelle. Schurs Popularität hält er für ein
unumgängliches Argument. „Von 17 Millionen DDR-Bürgern waren 15
Millionen Schur-Fans.“ Das zeige, dass er nicht nur Freunde im Politbüro
gehabt habe.
Jürgen
Holz (früher Neues Deutschland) stellte die Frage, ob man nicht die
positiven und die negativen Aspekte in Schurs Biographie gegeneinander
abwägen müsse. Dazu erklärte der als Gast hinzu gebetene Gerd Steins vom
Forum für Sportgeschichte Berlin, er habe sich anlässlich der
Einrichtung der „Hall of Fame“ gleich gefragt: „Wie masochistisch kann
man eigentlich sein?“ Er schlug vor, den Titel der Einrichtung zu
ändern. Warum nicht „Galerie der Namen“? In Deutschland sei das
angelsächsische Modell der Legendenbildung nicht gangbar.
Oder, mit den Worten Erich Laasers: „Es gibt keine Engel.“
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