Ob Propaganda- oder/und Symbolfigur: Schur gehört in die
Hall of Fame!

Täve Schur die Aufnahme in die gesamtdeutsche Hall of Fame (HoF) zu verweigern, den bei Mauerfall als "größter DDR-Sportler" Gewählten - ist das ignorant, arrogant oder schlichtweg unbedarft?

Wohl von allem etwas. Abgesehen vom Boulevard-Superlativ - Schur ist der mit Abstand populärste Akteur des Sports der kleineren deutschen Teilrepublik, die einst zu den sportlichen Großmächten zählte.

Der Rad-Weltmeister der Amateure, olympische Medaillengewinner und Friedensfahrtsieger ist nach Leserumfragen, frei und demokratisch, neun Mal als "DDR-Sportler des Jahres" ausgezeichnet worden. Er saß in der DDR-Volkskammer wie auch im Deutschen Bundestag in den höchsten Volksvertretungen. Aber nicht würdig und ehrenhaft genug, in einer fiktiven - da ja lediglich Wanderausstellung - HoF vertreten zu sein?

Darauf muss man erst kommen. Allerdings kaum verwunderlich bei einer Auswahl-Jury von 27:1 bei Herkunft West/Ost. Man darf gespannt sein, ob die Initiatoren den Mut zur Korrektur haben. Bizarr mutet die Begründung für den Bann des Magdeburgers an, der im Februar zu seinem 80. Geburtstag Glückwünsche aus mehr als 40 Ländern erhielt. Wegen seiner politischen Haltung bzw. Ansichten hieß es fast durchweg in Printmedien, die gemeinhin als meinungsbildend gelten. Was den Juryverbund - Sporthilfe, DOSB, VDS und Konzernvorstände - zu Schurs Exilierung geführt haben dürfte. Dank jener Medien und ihrem Einfachformelmuster: DDR-Sport gleich politischer Missbrauch, gleich Stasi, gleich Doping.

Stasi und Doping kann man Schur nicht anhängen. Aber da das einstige Mitglied der DDR-Staatspartei SED, dann der PDS/Linken, nicht bereit ist, den DDR-Sport/das DDR-System in Bausch und Bogen zu verteufeln, wurde er zur medialen Zielscheibe. Vorgeblich sind dessen angebliche Äußerungen - zum Ungarn-Aufstand, Mauerbau, Kosovo-Einsatz, Dopingopfer-Entschädigungsgesetz. Wie man dazu auch steht, eine Bedrohung der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" dürfte dies kaum sein. Dennoch wurde Schur mit einem Furor attackiert, als ob das Gespenst des gescheiterten Kommunismus vor der Tür stünde.

Auf alle Vorhaltungen einzugehen, lohnt m.E. nicht. Zumal kaum jemand - und gewiss nicht die Jury - den Verfemten ob der Anwürfe konsultiert hat. Es geht auch keinesfalls darum, dessen etwaige Sicht zu verteidigen - sondern, auf den (menschlich) fragwürdigen Umgang mit ihm aufmerksam zu machen. Ein Vorwurf sei ausnahmsweise näher betrachtet: Der Dopingopfer-Hilfeverein (DOH) hatte Schur unterstellt, er wäre gegen ein Dopingopfer-Entschädigungsgesetz. Banalisiere den Dopingmissbrauch in der DDR, verhöhne dessen Opfer...richtig aber ist, dass Schur im Bundestag/Sportausschuss dafür plädiert hatte, in eine Entschädigung alle Opfer einzubeziehen. Nicht nur des "systematischen Zwangsdopings unter staatlicher Lenkung". Sondern auch Geschädigte/Angehörige "systemischen Dopings", made Bundesrepublik. Wie beispielsweise der Mehrkämpferin Birgit Dressel, des Kugelstoßers Ralf Reichenbach, des Hammerwerfers Uwe Beyer u.a. Alle mutmaßlich Opfer exzessiven Dopings.

Überdies das Konstrukt DOH: Gebildet im Interesse von DDR-Dopingopfern, doch Büro und Vorsitzender in der Alt-Bundesrepublik angesiedelt. Ein Vorstandsmitglied mit dubiosem Spagat: zugleich Anwalt für Dopingopfer und überführte Dopingtäter (Dieter Baumann/Leichtathletik, Stefan Schumacher/Radsport u.a.). Im Protestbrief des DOH gegen den VDS-Kandidatenvorschlag Schur ist die Rede von einem "Körperlaboratorium DDR-Sport", vom "notorischen Geschichtsleugner" Schur sowie, dass jener "eine Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports" sei. Eine Diktion, die diffamiert und diskriminiert.

Hunderttausende ehrenamtliche Übungsleiter, Trainer, Freizeitsportler kriminell? War ich auch Teil des kriminellen System, weil ich - Nichtparteimitglied und wegen Kontakten mit Westkollegen im Radar der Stasi - ehrenamtlich als Übungsleiter, Spielertrainer und Abteilungsleiter aktiv war. In Sportarten wie Basketball und Tennis, die - was Unbedarfte kaum wissen - durchaus in DDR-Sportvereinen im bescheidenen Rahmen unterstützt wurden.

Wer die DOH-Doktrin kritiklos abdruckt, muss entweder ahnungslos (vom DDR-Sport) oder von einer DDR-Phobie geprägt sein. Ein bundesdeutscher Olympiasieger von 72 hatte mir mal anvertraut: "Wer behauptet, bundesdeutsche Medaillengewinner der Münchner Spiele seien in relevanten Sportarten ohne Dopingmittel an den Start gegangen, ist entweder naiv oder ein Heuchler." Die neuere Studie zum "systemischen Doping in der Bundesrepublik" belegt: Doping-Missbrauch war weltweit und ist auch heute - vor allem im Profisport - noch gang und gäbe. Die DOH-Protestnote aber dürfte mitursächlich sein für Schurs Ausgrenzung. Dabei haben die Verfasser - sowie sich seriöser gebende Medien - außer Acht gelassen: Schur ist nicht zum beliebtesten DDR-Sportler gewählt worden wegen seiner Rolle als "Propagandafigur". Sondern, weil er ein Symbol des Wiederaufbaus war. Als es nichts gab außer Ruinen, keinen Marschallplan und keine US-Rosinenbomber, hat der Schlosserjunge aus der Börde ein Beispiel gegeben für Leistungsbereitschaft, Willen und Fair play.

Über diese Aspekte hinwegzugehen, einer Minorität von etwa 120 DOH-Mitgliedern bei ca. 15 000 im Dopingprogramm erfassten DDR-Sportlern die Deutungshoheit zu überlassen, erscheint mehr als fahrlässig.

Vor allem habe sich Schur nicht zuletzt als "moralisch untragbar" für die HoF erwiesen durch eine Replik auf die Bannung, hieß es in der Jour-fixe-Diskussion des VDS-Bereichs Berlin-Brandenburg. Jene Gegenreaktion hat Klaus-Ullrich Huhn, einstiger Sportchef des SED-Parteiorgans "Neues Deutschland", in Buchform ("Der Ruhm und ich") als Ghostwriter zu Papier gebracht. Aus Position eines "ideologischen Betonkopfes", wie Ostkollegen meinen, hat der 83-jährige Huhn von Schur offenbar "Feuer frei" bekommen. Das sollte man einem 80-Jährigen nach ehrabschneidenden und schlimmen persönlichen Angriffen wohl nachsehen.

Und dass jener ungeachtet der Fehler, Pressionen und Irrwege des DDR-Systems den Traum von einer besseren (gerechteren) Gesellschaft nicht in Gänze aufgeben mag. Schurs Ächtung hat zudem eine grotesk-historische Komponente. Denn die geistigen Vorgänger des Soft-Altkommunisten Schur - die von den Nazis ermordeten Antifaschisten und Komunisten Werner Seelenbinder - hat die Jury für die HoF akzeptiert. Wie Nazi-Parteimitglieder von Willi Daume über Sepp Herberger bis Rudolph Harbig. Jenen aus heutiger Kenntnis die braune Mitgliedschaft anzulasten, ist realitätsfremd. Sportgrößen sind wie Künstler oder Wissenschaftler überall beliebte Projektionsobjekte. In Diktaturen oder sich demokratisch gebenden Staatswesen.

66 "Helden" des deutschen Sports sind derzeit in der HoF. Sieben davon aus der ehemaligen DDR. Kümmerlich, wenn man bedenkt, dass deren Asse zwischen 1970 und 1990 in olympischen Kern-Sportarten oft die Weltspitze bestimmten. Vielleicht sollte man das Votum der sieben einholen: der Turnerin Karin Büttner-Janz, der Wasserspringerin Ingrid Gulbin-Krämer, der Kanutin Birgit Fischer, des Schwimmers Roland Matthes, des Skispringers Helmut Recknagel, der Sprinterin Renate Stecher, der Eiskunstläuferin Katarina Witt. Ob Schur ja oder nein? Das wäre urdemokratisch mit einem Touch von Stuttgart 21. Und würde der HoF ein Stückchen verlorener Glaubwürdigkeit zurück bringen. Und sehr wahrscheinlich den achten und populärsten Sportler der als Kriegsfolge entstandenen DDR.

Was den ignoranten Aspekt des Falles angeht: Wie heißt es doch im Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: Niemand darf aus rassistischen, religiösen oder politischen Gründen benachteiligt werden! Auch deshalb gehört Schur in die Hall of Fame.

Ernst Podeswa

Unter der Adresse  http://laptopwerk.de/themen/eklusiv/ finden Sie weitere Informationen über den Autor und die Gründe für seiner Meinungsäußerung.